Eine Möwe für Papa

Geschichten von Menschen, die sich in der Trauer tätowieren lassen

Miriams Papa hat in jedem Urlaub ein Foto von einer Möwe gemacht. Seine Tochter und er mussten immer schon lachen, wenn sie sich gegenseitig die schönsten Urlaubsmöwen gezeigt haben. Seit ihr Vater tot ist, macht Miriam allein Möwenfotos – und wünscht sich so sehr, sie könne sie ihm zeigen. Eine Möwe für ihren Papa hat Miriam nun für immer bei sich: als Tattoo auf ihrem Unterarm. Dazu der Lieblingssong des Vaters, „Bold As Love“ von Jimi Hendrix.

Ein Tattoo aus Trauer

Ein Tattoo aus Trauer – zu Tattookünstlerin Nicole Meiners von Bomb Ink kommen viele Menschen wie Miriam, die ihren Schmerz über einen Verlust auf diese Weise ausdrücken, verarbeiten, damit leben. „Manchmal ist es der Wunsch nach ewiger Verbundenheit. Das Gefühl, etwas von jemandem bei mir behalten zu wollen. Oder ein Zeichen an alle Welt: Dieser Mensch darf nicht vergessen werden“, erzählt Nicole.

Dahinter stehen dann Geschichten, die Nicole sehr berühren. So wie auch die einer Kundin, die sich bei ihr einen Spruch umrahmt von zwei Flügeln tätowieren ließ. Das Tattoo ist ihrer Freundin gewidmet, die weiß, dass sie nicht mehr lang zu leben hat. Noch zu Lebzeiten sollte die erkrankte Freundin wissen, dass die Erinnerung an sie immer bleiben wird. „Vielleicht beginnt Trauer sogar vor dem Tod, wenn der Abschied naht“, überlegt Nicole.

So wie bei einem Kunden, der sich neulich Schachfiguren für seinen Oberarm wünschte, als Symbol für seine enge Verbindung zu seinem über 90-jährigen Opa. Mit dem frischen Tattoo ist er zu seinem Großvater gegangen, ein bisschen nervös, weil Opa sonst nicht so auf Tattoos steht. „Opa, das ist für dich, damit du immer bei mir bist.“ Der Großvater hat vor Rührung geweint. So kommen manchmal Menschen noch vor dem eigentlichen Abschied, andere wiederum erst Jahre nach dem Verlust. Nicole erklärt: „Nur wenn die Trauer ganz frisch ist, dann sage ich schon mal ‚lass erst mal ein bisschen Zeit vergehen‘. Man ist ja im Ausnahmezustand.“

Geheime Symbole und klare Zeichen

Die meisten wünschen sich sehr individuelle Motive für ihr Andenkentattoo.

„Manchmal sind es Symbole, die für jemanden eine Verbindung zum Verstorbenen darstellen – die Fremde aber gar nicht deuten können.

Wieder andere wünschen sich ganz deutliche Zeichen wie Beispielsweise den Namen oder die Unterschrift des geliebten Menschen.

Ein Tattoo, das ganz vieles in sich vereint, ist das für den Vater einer Kundin von Nicole.

Es zeigt eine zerbrochene Mauer mit dem Schriftzug ‚Walter war hier“ – Papa Walter war zu Lebzeiten mit Leib und Seele Maurer. Dazu sein Geburts- und Sterbedatum, die Koordinaten seines Geburtsorts, seine Unterschrift – und ‚Püppi‘. „Das war sein Kosename für seine Tochter“, sagt Nicole.

Oft fließen Tränen, wenn ein Gedenktattoo gestochen wird – „aber das ist dann manchmal gar nicht so sehr die Traurigkeit, sondern fast eine tiefe Erleichterung, dass man auf diese besondere Weise jemanden nun nie mehr ganz verlieren kann.“

„Trauertatto – Unsere Haut als Gefühlslandschaft“

Austellung in der Stadtbibliothek Gütersloh 18.02. – 29.02.2020

Dass viele Menschen sich in der Trauer tätowieren lassen, beobachteten bereits vor einiger Zeit Katrin Hartig und Stefanie Oeft-Geffarth. Sie haben dazu viele Menschen interviewt und fotografiert. Daraus entstand ein Buchprojekt – und eine faszinierende Ausstellung, die der Hospiz- und Palliativ-Verein vom 18.02 .- 29.02.2020 in der Stadtbibliothek Gütersloh zeigt.

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