Trotzdem Ja zum Leben sagen

Ein Interview mit Logotherapeut Manfred Hillmann

Was ist das Besondere an der Logotherapie, auch im Vergleich zu anderen Therapieformen?

Die Logotherapie stellt die Frage nach dem Sinn in den Mittelpunkt ihrer Motivationstheorie: „Wer immer ein Wozu zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“. Wie lässt sich in den Alltagssituationen des Lebens der nächste sinnvolle Schritt herauslesen? Das ist die Grundsatzfrage der Logotherapie nach Viktor E. Frankl. Es geht dabei auch um die herausfordernde Frage, ob es Sinn trotz Schuld-, Leid- und Vergänglichkeitserfahrungen geben kann. Inmitten dieser Fragen hilft die Logotherapie den Menschen, sich als geistige, d. h. freiheitsbewusste, verantwortungsvolle, gestaltungsfähige Wesen zu verstehen. Die Logotherapie bietet ein umfangreiches Wissensgut für die sinnorientierte Lebensführung an.

 

Bei welchen Themen setzen Sie als Therapeut die Logotherapie ein?

Die Logotherapie als sinnorientierte Psychotherapie oder Psychologie hat verschiedenste Anwendungsbereiche. In der Therapie gibt sie Hilfe bei Angst- und Zwangsstörungen, bei Depressionen und Lebenskrisen. Außerhalb ihrer therapeutischen Anwendung kann sie als allgemeine Hilfe zur Lebensorientierung wirken. Ihr Augenmerk zielt auf die Förderung der gesunden Kräfte des Menschen und auf lebensadäquate Einstellungen zum Leben, so wie es sich in seinen guten und auch herausfordernden Momenten zeigt. Die Herausarbeitung einer sinnorientierten Wahrnehmung und Handlungsweise sind die Ziele der Auseinandersetzung mit der Logotherapie als sinnorientierte Psychologie.

 

Welche Rolle kann die Logotherapie für die Hospiz- und Trauerarbeit spielen?

Man darf sagen: Eine große Rolle. Deshalb weil sie das ganze Spektrum von Leid und Leidbewältigung gut reflektiert. Die Logotherapie kennt sich mit Grenzerfahrungen des Lebens aus. Viktor Frankl selbst war drei Jahre in vier verschiedenen Konzentrationslagern und hat fast seine ganze Familie verloren. Als Trauernder war er psychisch durchaus an persönliche Grenzen gekommen und stellte sich eindringlich noch einmal die Frage nach dem Sinn des Lebens, seines Lebens. Beantwortet hat er die Frage mit einen „trotzdem Ja zum Leben sagen“. In seinem Zeitflussmodel (bekannt unter „Das Scheunengleichnis“) findet Frankl Antworten auf das Verhältnis des Menschen zur Zeit, zur Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. In der Hospizarbeit ist das Modell z. B. in der rückblickenden wertschätzenden Betrachtung der eigenen Biographie sehr gut anwendbar.

 

Wie haben Sie selbst zur Logotherapie gefunden? Und: wäre Ihr eigenes Leben ohne die Sichtweisen und Handwerkszeuge der Logotherapie anders?

Zur Logotherapie fand ich durch einen puren Zufall. In einer Buchhandlung stöberte ich in Büchern und fand in einem Buch eine Kurzbeschreibung der Logotherapie Viktor E. Frankls auf einer einzigen Seite. Und das wars! Das war meins. Die Vorbehalte, ob das wirklich etwas für mich sei, waren dann nur noch theoretischer Art. Ich habe 1995 eine vierjährige berufsbegleitende Ausbildung zum Logotherapeuten gemacht und sitze seitdem fest und sicher im Sattel der Logotherapie, auch wenn andere Themen noch dazugekommen sind. Das Gedankengut der Logotherapie ist von so guter Substanz, dass man es gerne möglichst vielen Menschen zur Kenntnis bringen möchte. Denn viele haben darin eine wirkliche Hilfe entdeckt. Es gibt vielfältige Literatur, mit der man sich weiterbilden kann.

Die Frage, ob mein Leben anders verlaufen wäre ohne Logotherapie kann ich mit ja beantworten. Immer wieder gab mir das Rüstzeug der Logotherapie privat wie auch beruflich Unterstützung. Und das Gefühl, nicht Anerkennung noch Leistung noch Karrierestreben in den Mittelpunkt stellen zu müssen, weil die Frage nach dem Sinn des Tuns eine umfassendere ist, macht das Leben an tausend kleinen Stellen stimmiger und leichter.

Achtung: Für das dazugehörige Seminar „Trauer und Sinn“ mit Manfred Hillmann sind nur noch wenige Plätze verfügbar

Link zur Anmeldung

Über Manfred Hillmann

Manfred Hillmann, Jahrgang 1961, Diplom Sozialpädagoge, Logotherapeut, B.A. in Philosophie. Der Leiter des Nordwestdeutschen Instituts für Logotherapie und Persönlichkeitstraining (NILP) hat 30 Jahre praktische Berufserfahrung.
Unter anderem war er Logotherapeut am Krankenhaus Ludmillenstift Meppen (2002-2007). Er ist Mitbegründer der Hospiz-Hilfe Meppen e.V., die er als 1. Vorsitzender leitete und aufbaute (2000 – 2004). Seit vielen Jahren ist er Lehrbeauftragter an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sein beruflicher Schwerpunkt ist heute die Bildungs- und Fortbildungsarbeit mit den Schwerpunkten Logotherapie (sinnzentrierte Psychologie nach Viktor E. Frankl), PSI-Theorie (Persönlichkeitstheorie nach Julius Kuhl), Hospizarbeit und Trauerarbeit.

Über Viktor Frankl

Viktor E. Frankl (1905 – 1997) war ein Wiener Psychiater, Neurologe und Arztphilosoph, und begründete nach Freud und Adler die sogenannte „Dritte Wiener Richtung“ der Psychotherapie, die Logotherapie. Er selbst überlebte das Konzentrationslager, verlor aber seine gesamte Familie. Seine Erfahrungen verarbeitete er in einem Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen“. Die von Frankl entwickelte Logotherapie geht davon aus, dass der Mensch existentiell auf Sinn ausgerichtet ist und das Streben nach Sinn eine stärkende Motivationskraft ist. Frankl schrieb 32 Bücher, die in 50 Sprachen übersetzt sind.

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